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Die Bühnentechnische Rundschau berichtet über das Schillertheater Juni 10, 2011

Im Heft 1 2011 erscheint der ausführliche Artikel von Andreas Zerr über den Umbau des Schillertheaters für die Staatsoper:

Vom Sprechtheater zum Musiktheater
Die “Staatsoper Unter den Linden im Schillertheater Berlin”

Das Schiller Theater wurde 1906 von den Architekten Heilmann und Littman als Neubau errichtet. 1939 war es von Paul Baumgarten (dem Älteren) umgebaut worden. Nach dem Krieg wurde das zerstörte Haus 1950/ 51 von Völker und Grosse völlig erneuert und verändert wieder aufgebaut. Danach erfolgten kleinere Umbauten unter verschiedenen Intendanten, insbesondere der Umbau von Boy Gobert mit den veränderten Farb- und Raumfassungen, die immer wieder kritisiert wurden.
Vor dem Umbau diente das Schiller Theater seit seiner Schließung im Jahr 1993 als Gastspielhaus und zur Vermietung. Die Ausstattung des einst bedeutenden Sprechtheaters war durch den Betrieb stark zerschlissen und in wesentlichen Teilen stillgelegt.

Als für die Staatsoper im Sommer 2007 eine Ersatzspielstätte für die Dauer der Sanierung gesucht wurde, fiel die Wahl auf das Schillertheater nachdem mehrere Alternativstandorte untersucht und bewertet worden waren. Die Ersatzspielstätte sollte Platz für 1.000 Besucher und die Räumlichen Möglichkeiten für einen Repertoirespielbetrieb mit 120 Aufführungen im Jahr bieten. Weiterhin wurden hohe Erwartungen an die Akustik im Saal gestellt. Zahlreiche mögliche Standorte waren hierzu untersucht worden, Ersatzbauten und vorhandene Häuser. Das Schiller Theater war das einzige Haus, in dem die Staatsoper als Ganzes an einem Standort unterkommen konnte. Die erforderlichen Umbaukosten waren geringer als bei den Vergleichsbauten und hatten den Vorteil, dass das Geld in die Sanierung einer landeseigenen Immobilie nachhaltig investiert werden konnte. Bereits 2003 war für die Komische Oper eine Ersatzspielstätte gesucht worden. Auch sie muss saniert werden, und man hatte dazu das Schillertheater untersucht. Der Plan wurde damals aus u.a. Kostengründen zurückgestellt. Aber die Pläne sind noch aktuell und die Komische Oper wird das Schillertheater nun wohl im Anschluss an die Staatsoper als Ersatzspielstätte nutzen.

Vom Sprechtheater zum Musiktheater
Die Konversion des Sprechtheaters in ein Musiktheater war die eigentliche Bauaufgabe. Darüber hinaus sollten die Umbauten nachhaltig sein und spätere Nutzungen nicht verhindern. Dennoch hat das Musiktheater grundsätzlich andere Anforderungen, angefangen bei der Akustik, dem Orchestergraben, der erheblich größeren Anzahl von Akteuren auf der Bühne, dem zu integrierenden Raum- und Funktionsbereich für das Orchester, bis hin zu dem ungleich höheren Transportvolumen und den ungleich größeren Anforderungen an die Logistik. Alles musste sparsam umgesetzt werden, ohne dabei den Bestandsschutz für Gebäude und Anlagen grundsätzlich in Frage zu stellen.

Die Foyers
Die Rekonstruktion der weitläufigen Foyers aus den 1950 er Jahren erfolgte streng nach dem denkmalpflegerischen Befund und in Abstimmung mit den Erben der Urheber aus den 1950 er Jahren, die in Teilen wertvolle Erinnerungen an das Original beisteuern konnten. Der Raumeindruck der alten Farbfassungen wurde ausschließlich nach Befund hergestellt. Dazu gehören auch der Blaue Samt auf der Sitzbank und der Goldfarbton des Teppichs. Es wurden keine verloren gegangenen Teile ergänzt, aber störende Einbauten aus späteren Eingriffen wurden demontiert. Einziges neues Gestaltungselement ist das Licht im Zwischenraum zwischen innerer und äußerer Foyerverglasung und hinter dem Rückbuffet. Die RGBW Beleuchtung hüllt den Saal in ein warmes, angenehmes Licht, das sich zu besonderen Anlässen auch bunt in allen Farben ansteuern lässt und dem Raum Größe und Würde verleiht aber auch eine moderne und festliche Ausstrahlung.

Der Saal
Der Umbaubedarf im Saal wurde durch die Anforderungen des Musiktheaters an Akustik und Nachhallzeit, aber auch durch den Platzbedarf des Orchesters im Graben bestimmt. Zunächst wurde der natürliche Nachhall des Saals freigelegt. Dazu wurden Schall absorbierende Flächen ausgebaut. Der Teppich wurde durch Linoleum ersetzt, die Absorber in den Saalwänden wurden in Teilen abgedeckt. An den Holzpaneelen der Saalwände wurde die schwarze Farbe abgebeizt und die Holzoberflächen freigelegt. Dadurch wurde auch der Studiobühnencharakter der 1980er Jahre auf das festlichere Original zurückgeführt. Ãœberhaupt ist und war der Saal stark geprägt durch die jeweiligen Vorlieben der Bauzeit. Dazu gehört der große Rang mit seinen 18 Stuhlreihen; die Loge fürs Volk, aber auch die nach hinten aufschwingende Form und die extrem niedrige Bühne. Die Kunst sollte vom Sockel gehoben werden und auf Augenhöhe stattfinden; eine Mode, die später zu Gunsten verbesserter Sichtlinien wieder aufgegeben wurde. Die vorhandene Decke wurde nicht angefasst. Nur im Bereich des Proszeniums wurde sie so verändert, dass sowohl die musikalische Verständigung als auch die erste Reflexion in den Saal optimiert wurden.
Im traditionellen Musiktheater steht der Solist an der Bühnenkante, in direktem Kontakt und Gegenüber zum Zuschauer. Der Orchestergraben ist darunter angeordnet und schiebt sich unter die Bühne. Die heutigen Anforderungen erfordern einen Graben, der je nach Repertoire auf verschiedene Höhen gefahren werden kann. Es gibt erhöhte Anforderungen an den Platzbedarf der Musiker. Schallschutznormen und Vieles mehr führen dazu, dass der Graben zwischen Bühne und Zuschauer positioniert wird. Es wird schwieriger für den Sänger, mit der Stimme über das Orchester hinweg zu kommen. Diese Ãœberlegungen haben dazu geführt, den alten Graben ganz abzureißen und ihn um drei Reihen Richtung Saal zu vergrößern. Das Orchester spielt auf einem zweigeteilten, variabel verfahrbaren Podium. So können bei kleinerer Besetzung weitere Plätze bestuhlt werden, weiterhin ist diese Lösung auch im Sinne der Nachhaltigkeit für mögliche Nachnutzungen.
Die Akustik ist nun recht intim, aber die Sänger kommen doch sehr stark und präsent zur Geltung. Natürlich hat das allgemeine Lob für die Akustik alle Beteiligten gefreut. Die eingebaute Nachhallverlängerungsanlage, die schon wegen der möglichen unterschiedlichen Nutzungen heute zum Stand der Technik gehört, wird von Barenboim gar nicht genutzt. Sicher ein Lob für die vorhandene Akustik des Saals und eine Auszeichnung, dass er besser klingt als der Paulick-Saal Unter den Linden.

Probe- und Funktionsräume
Die Möglichkeiten für den Probebetrieb können sich im Vergleich mit der Staatsoper durchaus sehen lassen. Es gibt insgesamt vier Probebühnen. Die große hat eine optimale Raumgröße und Volumen, der Orchesterprobesaal ist bedeutend besser als in der Staatsoper, der Chorprobesaal oberhalb der Seitenbühne hat bessere Proportionen, weiterhin gibt es eine Werkstattbühne. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass die Nebenbühnen viel kleiner sind, kein Kostümfundus vorhanden, die Mitarbeiter beengt auf kleinem Raum sitzen und die Kantine in der Staatsoper größer war.

Der neue Orchesterbereich
In das Haus mussten Räume für die Staatskapelle mit ihren 120 Orchestermitgliedern zum Proben, Einspielen und Umkleiden eingefügt werden. Diese Räume müssen zwangsläufig sowohl mit dem Orchestergraben, als auch mit dem Orchesterprobesaal stufenlos verbunden sein. Folglich können die Räume nur im Keller liegen. Der Orchesterprobesaal wiederum muss 9 m hoch sein, und schließlich müssen die Instrumente ohne Kreuzwege mit der Dekoration transportiert gelagert und für Gastspiele geladen werden können. Eigentlich eine schwer zu lösende Aufgabe, . Wir haben dafür einen Teil des ehemaligen Werkstattgebäudes abgerissen und eine Schneise für einen Neubau für die erforderlichen Orchesterbereiche mit direkter Anbindung im Keller freigelegt.

Montagehalle und Anlieferung
Hinter der Bühne ist die Oper Logistik. 24 LKW 40´´ kommen am Tag, einer pro Stunde. Sie fahren von der Schillerstraße rückwärts in eine Garage und werden auf zwei parallelen Podien auf Bühnenniveau angehoben. Mit der 10 m hohen und 600 qm großen Montagehalle steht der Umbau an einem Wendepunkt. Nicht mehr das Magazin mit den vor Ort gelagerten Repertoirestücken, sondern die Lieferung just-in-time mit optimalen Montagebedingungen bestimmen der Arbeitsablauf. Ãœber eine Schleuse mit Brandschutz und Schallschutztor ist die Montagehalle 6 m breit und 9 m hoch mit der Bühne verbunden.

Probebühne im dritten OG
Die Arbeitsebene mit der Probebühne befindet sich im 3. OG über der Montagehalle. Dort befinden sich auch stufenlos verbunden die Chorgarderoben im ehemaligen Kostümfundus, sowie die Garderoben für Statisten und den Kinderchor. Der Bereich ist über einen Aufzug mit der Kostümdirektion verbunden, die Weg zum Chorprobesaal sind kurz, ebenso der Weg über eine Brücke zum Aufenthaltsraum, der ehemaligen Tischlerwerkstatt. Dort hat man in den Pausen den Blick über die Dächer Berlins und das Ambiente der alten Werkstattfenster, des abgeschliffenen Holzbodens im Kontrast zu den neuen Flächen aus Sichtbeton.

Der Neubau
Orchesterbereich, Montagehalle und Probebühnen sind übereinander gestaffelt , alle mit optimalen Wegeverbindungen entsprechend ihrer Funktion. Entsprechend dem Berliner Konzept waren die Werkstätten in den Bühneservice auszulagern. An ihrer Stelle entstand in frei geräumten Lücke zwischen den Resten von zwei Gebäudeteilen im ständigen Kontrast zwischen neu und alt ein neuer Baukörper. Der Neubau besteht aus Stahlbeton Fertigteilen mit einer Fassade aus gedämmten Kassetten mit vorgehängtem Zinkblech. Nach außen hin sichtbar als eine Montagehalle aber darüber hinaus ein städtebaulich wirksames, verbindendes Element, das den Hof beruhigt und die heterogenen Strukturen des Bestands zusammenfasst.

Stichpunkte Maße und Zahlen:
- Zahl der Zuschauer; 1.203 vor Umbau, 988 Plätze nach Umbau
- Anzahl der Mitarbeiter bei Schließung des Theaters ca. 435, Staatsoper ca. 550
- Schillertheater Grundfläche Saal 330 m2, Rang 170 m2, Bühne 570 m2
- Staatsoper Grundfläche Saal 344 m2, 1.Rang 182 m2, Bühne 474 m2, + 239 m2
- Schillertheater Höhe Saal 12,41, Bühne vor Umbau 21,66, nach Umbau 28,30 m
- Staatsoper Höhe Saal 12,44, Bühne vor Umbau 25,03,
- Nachhallzeit Schillertheater 0,9 sec vor Umbau, Staatsoper 1,3 sec
- Chorproberaum Schillertheater 163 m2, h = 5,40, Volumen 879 m3
- Chorproberaum Staatsoper 128 + 44 m2, h = 5,25, Volumen 904 m3
- Orchesterproberaum Schillertheater 253 m2, h = 8,35, Volumen 2.113 m3
- Orchesterproberaum Staatsoper 264 m2, h = 5,25, Volumen 1.386 m3
- Probebühne Schillertheater 519 m2, h = 10,78, Volumen 5.596 m3
- Probebühne Staatsoper 390 m2, h = 5,25, Volumen 2.047 m3
- Orchestergraben Schillertheater 153 m2, h = 3,43, nicht überd. Fl. 96 m2
- Orchestergraben Staatsoper 96 m2, h = 3,80, nicht überd. Fl. 96 m2
- Probebühne 2 Schillertheater 174 m2, h = 6,18, Volumen 1.074 m3
- Probebühne 2 Staatsoper 205 m2, h = 5,25, Volumen 1.076 m3
- Aufenthalt/ Kantine Schillertheater 348 m2, h = 7,70/ 2,62, Volumen 2.256 m3
- Aufenthalt/ Kantine Staatsoper 315 m2, h = 3,80, Volumen 1.197 m3
- Montagehalle Schillertheater 599 m2, h = 10,15, Volumen 6.080 m3,

Wesentliche Umbauten und Maßnahmen:
1. Neubau Montagehalle
2. Rest Werkstattgebäude
3. Weg des Orchesters
4. Chorgarderoben
5. Saal
6. Zuschauerbereiche

Bauherr: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
Generalplanung:
ARGE Schillertheater mit:
ZHN-Architekten – Hochbau und Federführung
itv-mbH – Bühnentechnik
IB Kriegel – Haustechnik
GSE – Tragwerksplanung, Bauphysik
Als Nachunternehmer de Arge:
Müller BBM-Raum- und Bauakustik

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